Jeder Essgestörte tut seinem Körper unglaublich viel Schlechtes an. Wir treiben ihn zu Sport, wenn ihm nach Erholung ist, wir führen ihm Zucker zu, wenn er Gesundes will, wir zerstören unsere Speiseröhre und Zähne, wir lassen ihn hungern, wenn er nach Nahrung schreit, wir treiben ihn trotz schmerzender Gelenke die Treppen hoch, statt den Fahrstuhl zu nehmen. Gutes dagegen tun wir ihm selten. Dabei sollten wir ihm wirklich mal dankbares, positives FEEDBACK geben.Komischerweise sind die meisten essgestörten Körper, die ich kennengelernt habe, zu Höchstleistungen fähig. Die Anorektikerin, die weniger wiegt als ein Deutscher Schäferhund, rennt noch immer munter durch die Gegend. Die Übergewichtige schleppt sich problemlos täglich zur Arbeit, inklusive Treppen in den 7. Stock. Die Bulimikerin mit extremem Untergewicht wird plötzlich schwanger.

Unsere Körper sind immer für uns da. Bis zuletzt. Wir nur sehr, sehr selten für sie. Beziehungsweise nur dann, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht und wir an einem Punkt angekommen sind, an dem wir unsere eigenen Körpersignale nicht mehr ignorieren können. Kurz vorm Krankenhaus oder kurz vorm Exitus. Bis dahin verlangen wir unseren Hochleistungsmaschinen auf zwei Beinen mehr ab, als diese eigentlich leisten zu können. In gelebter Undankbarkeit.

An diesem Tiefpunkt, an den die meisten wahrscheinlich irgendwann kommen, haben wir dann zwei Möglichkeiten: aufzugeben oder radikal zurückzugeben. Im wahrsten Sinne des Wortes die Kurve zu kriegen. Eine gesunde Kurve. Weiblich oder gesund.

Es ist dann oft ein Problem, dass unsere Körper sich leider auch unheimlich schnell erholen und uns vergessen lassen, wie krank wir waren und immer noch sind. Und dann kommt die Angst wieder: Bin ich wirklich schon wieder so gesund? Verliere ich mit meinem veränderten Körper meinen Schutzpanzer? Dann darf ich meinen Körper ja wieder ignorieren, misshandeln und hassen. Endlich.

Die Phase der Dankbarkeit und des Re-Feedings ist oft zu kurz. Wir müssen uns ganz gewaltig am Riemen reißen, um durchzuhalten, obwohl doch alles “schon viel besser” oder “fast in Ordnung” ist. Unsere Essstörung kann uns so wunderbar etwas vorgaukeln, das uns in einen erneuten Teufelskreis fallen lässt.

Dabei hat das Zurückgeben an den eigenen Körper einen gewaltigen Vorteil: Wir nehmen uns selbst ein Stück weit die Verantwortung für die mehr oder minder ungewollte Veränderung unseres Körpers und müssen uns folglich nicht selbst dafür verurteilen. Denn: Wenn ich mehr oder weniger esse, um meinen Körper wieder auf Vordermann zu bringen, dann hat das nichts mit Kontrollverlust oder mangelnder Disziplin zu tun. Sondern mit Vernunft, die wir uns selbst ja oft absprechen, wenn es “nur” darum geht, Gewicht zuzulegen oder zu verlieren. Gesundwerden aber ist immer vernünftig. Das macht die Rechtfertigung vor sich selbst und dem eigenen Unwillen ganz manchmal vielleicht zumindest ein kleines bisschen leichter.

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