“Ich fresse mir einen Panzer an.”, sagte mal ein essgestörter, übergewichtiger Freund zu mir, als wir über die Funktionen unserer Krankheit sprachen. Er hat absolut Recht: Unsere Essstörung ist ein toller Schutzpanzer gegen die böse, böse Welt da draußen.Zumindest erstmal. Denn wenn wir frustriert sind, tut es wahnsinnig gut, sich ein ganz, ganz, ganzes Glas Nuss-Nougat-Creme zu gönnen. Hach, dieser herrliche Geschmack auf der Zunge. Währenddessen am besten Fernsehen, das schaltet dann auch das Denken ab. Und wie gut tut es, wenn wir frustriert sind und mal wieder nicht das Lob und die Anerkennung der Außenwelt erfahren haben, die wir so gern gehabt hätten, wenn wir uns beweisen, wie großartig diszipliniert wir sind, dass wir doch eigentlich gar nicht essen müssen? Oder wie gut es tut, wenn alle anderen denken, wie normal wir sind, wie gut wir funktionieren, wie normal wir Spaß haben können und essen UND unsere Figur behalten und niemand merkt, dass wir danach auf die Toilette rennen. Wie klug wir sind.

Gleichzeitig bauen wir eine innere Mauer in uns auf, die niemand überschreiten soll. Unser kleiner Palast der Einsamkeit und Kontrolle darf von niemandem wirklich betreten werden. Niemand darf wissen, wie es in uns aussieht. Wie wir fühlen, was wir fühlen, dass wir fühlen.

Unsere Essstörung erlaubt es uns, zu lächeln, wenn wir weinen wollen. Unsere Bedürfnisse hinten anzustellen, wenn sie aktiv erfüllt werden müssten. Einen guten Eindruck zu machen, wenn wir am Ende sind. Stark und tapfer zu sein, wenn wir eine Schulter zum Anlehnen brauchen.

Nur keine Schwäche zeigen. Niemals. Lächeln und winken. Aber all der Frust, der Schmerz, die Verzweiflung, die Traurigkeit müssen irgendwo hin. In unseren Schutzpalast hinter der Mauer. In unsere Essstörung.

Wenn andere viel Glück haben, dann öffnen wir mal ein Fenster. Wenn nicht, lassen wir niemanden näher an uns ran, als unbedingt notwendig. Klettert jemand an der Mauer hoch oder haben wir ihn selbst gefährlich nahe rangelassen, dann stoßen wir zurück. Reißen alle Brücken nieder und verletzen absichtlich. Sagen Dinge, die wir im gesunden, mauerlosen Zustand nie gesagt hätten. Die wir vielleicht schon im Nachhinein bereuen. Aber unseren Palast haben wir erfolgreich verteidigt. Unsere Mauer hat bestanden. Sie steht noch, sie schützt uns, sie macht uns hart und unverletzlich.

Denn vor Verletzung haben wir Angst. Vor Gefühlen generell. Durchdringt jemand unseren Schutzpanzer, dann müssten wir uns mit uns auseinandersetzen. Auch mit all dem, was uns nicht gefällt. Dann lieber tot. Zumindest auf Gefühlsebene. Und so lassen wir unsere Mauer stehen.

Was wir dabei gerne übersehen, ist die Einsamkeit hinter der Mauer. Wenn niemand wirklich hinein darf, dann bleibt jede Beziehung oberflächlich. Wenn wir Gefühle nicht zulassen, dann wirken wir nicht menschlich. Wir sind dann nicht nur unangreifbar, wir sind Maschinen. Und das sehen andere auch. Wer aber möchte mit einer gefühllosen, oberflächlichen Maschine befreundet sein? Wer verliebt sich in einen solchen Roboter.

“Sie müssen die Mauer ja nicht gleich niederreißen.”, sagte mal eine Therapeutin zu mir, “Es reicht vielleicht für den Anfang, wenn Sie hin uns wieder mal ein Fenster öffnen.” Gemäß dem Motto: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wir müssen die Verletzung riskieren, wenn wir Beziehungen wollen. Und jeder von uns möchte und braucht Beziehungen. Gerade weil Einsamkeit in der Krankheit oft eine nicht ganz unerhebliche Rolle spielt.

Vielleicht sind wir in der Vergangenheit oft verletzt worden. Vielleicht haben wir unseren Glauben an die bedingungslose Liebe verloren. Ganz sicher werden wir in der Zukunft wieder verletzt werden, wenn die Mauerfenster sich öffnen. Denn nur dann setzen wir uns Angriffen aus. Aber nur dann haben wir auch die Chance auf echte Zwischenmenschlichkeit, auf echtes Miteinander, auf Unterstützung, auf Treue und Loyalität.

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