Es gibt diese Theorie, nach der jeder Mensch einen gewissen Bereich um sich herum benötigt, in den andere nicht eindringen dürfen. Der ist bei jedem unterschiedlich und variiert von Situation zu Situation sowie von Mensch zu Mensch. Dringt jemand in diesen Bereich ein, fühlen wir uns unwohl und reagieren ängstlich, wütend und/oder verunsichert. Ich bin überzeugt davon, dass es einen solchen Bereich auch auf psychischer Ebene gibt. Und dass Menschen mit Essstörung Probleme mit ihm haben. Probleme damit, ihren psychischen Grenzbereich zu erkennen, sich dann aber auch in ihm zu behaupten und fest dabei zu bleiben.Das kann bei ganz einfachen Diskussionen anfangen, in denen unser Gegenüber anfängt, unsere Grenzen zu überschreiten und respektlos zu werden. Das müssen nicht einmal Beleidigungen sein, von denen ich hier schreibe, es reicht auch oft das Missachten eines Stopps.

Ein Beispiel: Gehen wir mal von zwei Freundinnen aus, die shoppend in der Innenstadt unterwegs sind. Freundin A ist versucht, einen knallbunten Lippenstift zu kaufen. Freundin B ist dagegen: Sie weiß nämlich, dass Freundin A zum einen diesen Monat nicht mehr viel Geld übrig hat, zum anderen aber meint sie, der Lippenstift stehe ihr sowieso nicht. Ungefragt teilt sie das Freundin A mit, die sich trotzdem für den Kauf entscheidet, sich aber den ganzen restlichen Shoppingtrip anhören muss, wie dumm diese Entscheidung war. Stimmung im Eimer, am Ende beide frustriert.

Das ist eine lächerliche Kleinigkeit, das ist mir schon bewusst. Trotzdem ist Freundin B an dieser Stelle – wenn auch im winzig Kleinen – grenzüberschreitend geworden. Und obwohl Freundin A sich durchgesetzt und zu ihrer Meinung und ihrem Willen gestanden hat, fühlen sich beide danach nicht gut. Weil Freundin B zwei Stopps respektlos ignoriert hat: Sie hat ihr die Meinung gesagt, die A gar nicht hören wollte (das ist der kleinere Verstoß, weil das unter guten Freunden dazugehören muss), vor allem hat sie dann aber nicht akzeptiert, dass Freundin A ihre Meinung wurscht war. Wir sind aber alle groß genug, um Entscheidungen treffen zu dürfen, unabhängig davon, was andere meinen.

Dabei geht es nicht darum, sich keiner Kritik auszusetzen. Wie geschrieben, gute Freunde oder Familie sollten jederzeit eine Ansicht äußern dürfen, ohne dass wir gleich in unser Schneckenhaus kriechen oder uns angegriffen fühlen. Das müssen wir akzeptieren. Wir aber dürfen etwas trotzdem so tun, wie wir es für richtig halten. Das wiederum müssen die anderen akzeptieren. Und zwar ohne uns zu beleidigen oder selbst beleidigt zu sein. Das nämlich macht eine Beziehung auf Augenhöhe nun mal aus.

Diese Grenzen im ersten Schritt zu kennen und im zweiten konsequent zu ziehen, ist auch für den Genesungsprozess total wichtig. Weil: Wenn wir den Eindruck haben, nicht wahrgenommen zu werden (“Deine Entscheidung ist falsch.”) oder zwar wahrgenommen, aber nicht ernstgenommen zu werden (“Deine Entscheidung ist falsch, dumm, und ich weiß es besser.”), dann hat das immer auch was mit Kontrollverlust zu tun. Wir verlieren die Kontrolle über die Beziehung, aber vor allem auch über unser Handeln. Die Konsequenz ist Verunsicherung: Hat unser Gegenüber vielleicht Recht? Sollte ich es doch anders machen? Bin ich nicht doch selbst Schuld? Bin ich vielleicht wirklich dumm?

Das Reflektieren einer anderen Meinung ist immer eine gute Sache. Zu sich zu stehen aber auch. Kann ich mein Handeln vor mir selbst rechtfertigen, ist das vollkommen ausreichend. Ich muss es vor niemand anderem tun. Ich muss es nicht mal begründen oder mich auf Diskussionen einlassen. Selbst dann nicht, wenn ich nach einer Meinung gefragt habe. Diese Autonomie aber fällt den meisten Essgestörten unheimlich schwer. Denn dazu gehört immer – im wahrsten Sinne des Wortes – Selbstvertrauen.

Wenn wir uns nämlich nicht selbst vertrauen und in die oben beschriebene Verunsicherung geraten, den Eindruck haben, die Kontrolle zu verlieren, dann werden wir die immer woanders suchen. Und was lässt sich besser kontrollieren als das eigene Essverhalten? Gemäß dem Motto: Wenn ihr mich von außen kontrollieren wollt, dann kontrolliere ich mich selbst im Inneren. Und dann genehmige ich mir das große Glas Nutella, obwohl ihr das dumm findet. Und dann esse ich tagelang nichts, auch wenn ihr das dumm findet.

Das ist kein langfristig hilfreiches Verhalten und führt uns immer weiter in die Krankheit, aber natürlich ist es eine kurzfristige Lösungsstrategie. Und schon haben wir das Gefühl, nicht ganz machtlos zu sein, wenn wir es in der Kommunikation mit anderen schon sind.

Die Lösung liegt natürlich genau in der Kommunikation. Dazu müssen wir aber als allererstes sehr genau unsere eigenen Grenzen kennen und definieren. Für uns selbst und vor uns selbst. Ohne die vor irgendjemand anderem rechtfertigen zu müssen. Und dann muss es uns gelingen, ganz radikal durchzusetzen. Auch wenn das anfangs wehtun kann, weil Lippenstift-Diskussionen in Grundsatzdebatten münden können. Aber langfristig sorgt das für die Art von Beziehung, die wir alle uns wünschen. Mit gegenseitigem Respekt voreinander und den jeweiligen Grenzen. Mit Selbstvertrauen und dem Vertrauen in den anderen.

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