Meine Erfahrungen in der Schön Klinik Roseneck in Rosenheim

Erst nach über drei Wochen bin ich dazu in der Lage, diesen Artikel zu verfassen und zu veröffentlichen. Vorher lag auch die Essskalation flach. Vielleicht wird der Artikel auch so etwas wie meine persönliche Aufarbeitung – nicht Abrechnung! – mit der Klinik. 

Vor über drei Wochen ging meine ebenso lange Zeit in der Schön Klinik in Rosenheim zu Ende. Nicht freiwillig, sondern weil ich rausgeflogen bin. Rausgeflogen bin ich, weil die Verantwortlichen nicht damit einverstanden waren, was ich auf Instagram gepostet habe. Noch immer schwebt die Drohung rechtlicher Konsequenzen wie ein Damoklesschwert über mir. Deswegen ist dieser Artikel hier auch entweder dumm oder mutig. Oder beides. Aber von vorn.

Die Entscheidung: Ab in die Klinik

Anfang Januar entschloss ich mich, einen Klinik-Platz anzunehmen, auf den ich schon unheimlich lange gewartet hatte und von dem ich mir im Kampf gegen die heimtückische Krankheit viel erhoffte und versprach. Das ist wichtig, um meine aufkommende Frustration und Verärgerung nachvollziehen zu können.

Es ist ja nicht so, dass der psychisch Kranke gerne in eine Klinik geht (soll es auch geben, die meisten gehören nicht dazu, behaupte ich). Das ist immer mit viel Überwindern, mit Hadern, mit Selbstverurteilung, mit Hoffnungs- und Ausweglosigkeit verbunden. Auch das ist wichtig.

Ich hatte mich also trotz all dieser Aspekte entschieden, zu gehen. Ins weit entfernte Bayern, weil der Ruf der dortigen Schön Klinik so ein unheimlich guter war.

Zuvor hatte mich ein Arzt angerufen und mir einiges erklärt. Dass ich aufgrund meines BMIs erstmal im Rollstuhl sitzen würde und an einen Monitor angeschlossen sei. Dass ich mich an die Richtmengen beim Essen und an Gewichtsvereinbarungen zu halten habe, inklusive täglichem Wiegen. Dass mein Essverhalten beobachtet würde. Dass ich vermutlich Fleisch essen müsse, um auf meinen Eiweißbedarf zu kommen. Mit allem war ich einverstanden, mir sollte schließlich geholfen werden, bis auf Letzteres. Hier hatten der gute Doktor und ich unsere erste von vielen Diskussionen zu diesem Thema.

Was mir hingegen nicht gesagt wurde – und hier unterstelle ich keinesfalls Böswilligkeit – war die Kamera-Überwachung in den Zimmern, die begleiteten Toilettengänge, die Tischsituation (dazu später mehr), die fehlende Frischluft, die verbotenen Gegenstände (beispielsweise alles mit Essgerüchen und Ess-Optik) und die Aufenthaltspflichten nach den Mahlzeiten.

Die Ankunft

Als ich ankam, hätte mir bereits klar werden müssen, dass irgendwas nicht stimmte. Für mich gab es nur eine Schön Klinik in Bayern, die in Prien. Ich aber sollte nach Rosenheim, und, wie ich hörte, ist das ein himmelweiter Unterschied. Auch das ist wichtig.

Nun war ich also da, nach stundenlanger Fahrt, hungrig!, unsicher. Ich hatte für die Kamera-Überwachung unterschrieben, was blieb mir auch anderes übrig, schließlich sollte mir ja geholfen werden, und, ja, ich habe einen starken Bewegungsdrang. Ehrlich gesagt war ich sogar erleichtert, dass ich mir endlich Ruhe gönnen durfte, dass mir endlich jemand die Verantwortung dafür abnahm. Medizinische Untersuchungen folgten, ich lernte meine Bezugstherapeutin kennen, meine verbotenen Gegenstände (Süßstoff, Tee, Gewürze, Zeitschriften mit Essthemen, Deos, Handcremes etc.) wurden mir weggenommen, etwas zu essen bekam ich nicht mehr, dazu war ich zu spät. Meine mitgebrachten Tomaten wurden weggeworfen, statt sie mir zu überlassen, Fresubin hätte ich trinken dürfen, überforderte mich aber maßlos. Zu dem Zeitpunkt war ich aber so erschöpft, dass mir eigentlich alles egal war.

Ich kam in ein Zweibettzimmer, nette Zimmergenossin, auspacken, einrichten, alles okay.

Dann war es auch schon Zeit für mein erstes Abendessen, also die erste Herausforderung, auf die ich mich – immer noch hungrig, allerdings tatsächlich freute. Wir Niedrig-BMIler aßen in einem separaten Raum, fernab vom richtigen Speisesaal, in einer Sechsergruppe. Wir hatten ein eigenes Buffet und natürlich einen eigenen Betreuer. Soweit alles tutti.

Am Tisch

Die Tischregeln wurden mir direkt von meinen Mitpatienten erklärt. Vor jeder Mahlzeit mussten zwei Sätze gesagt werden, dass wir uns an unsere Ziele (Welche Ziele?, dachte ich) halten würden und die Richtmenge essen. Außerdem unsere Stimmung kurz umreißen. Dieses Prozedere wurde am Ende wiederholt. Bis dahin kam mir noch gar nichts besonders merkwürdig vor. Das Essen verlief auch ganz okay, wenn auch schweigend, was mich ein wenig irritierte, aber, wie bereits erwähnt, ich war an dem Abend einfach geistig durch und legte auch keinen gesteigerten Wert auf Konversation.

Am nächsten Morgen ging es um 6 Uhr weiter: medizinische Überprüfung, ob wir alle noch am Leben waren, dann noch ein gutes halbes Stündchen schlafen bis zum Wiegen, ein weiteres, um uns ausgeh-… nein, rollfein zu machen fürs Frühstück. Dazu wurde das Bad aufgeschlossen, eine sogenannte Co-Therapeutin, Pflegefachkräfte mit spezieller Zusatzausbildung stand daneben, damit wir auch ja keine Liegestütze machten oder am Ende noch Pupu nach dem Wiegen. Hier wurden die Zähnchen geputzt, später würde das nicht mehr erlaubt sein.

Dann also zum Frühstück gerollt, auch hier wieder die Regeln erklärt, danach eine Stunde im Aufenthaltsraum unter Beobachtung mit den anderen. Das Frühstück war auch okay, nochmal schweigend, diesmal war ich schon irritierter, ich bekam auch die ersten bösen Blicke, weil ich mich nicht an die Richtmenge „gehalten“, sondern sie „geschafft“ hatte, was einige wohl als triggernd empfanden. Ebenso verhielt es sich mit dem Mittagessen.

Konzept-Zweifel

So sah also für die nächsten gut dreieinhalb Wochen mein Tag aus. Damit würde ich leben können, dachte ich. War aber nicht so.
Warum?
Weil mir die Regeln zu strikt waren? Weil ich mit meinen Mitpatienten nicht klarkam? Teils. Aber das wäre zu einfach. Auf den Punkt bringt es wohl: Für mich persönlich (!) und für mein, individuelles Krankheitsbild (!) passte das Konzept einfach nicht. Und zwar aus genau diesem Grund: Individualität gab es nicht. Stattdessen Merkwürdigkeiten, Herabwürdigungen, empfundene Respektlosigkeiten, Inkonsequenzen, fehlende Aussichten und neue Zwänge. So empfand ich es für mich jedenfalls – und leider weiß ich, dass es anderen ebenso erging. Es gibt aber genauso Fälle – und das möchte ich hier wirklich betonen! -, denen diese Art von Konzept helfen kann und auch hilft. Aus unserer Sechsergruppe sind mittlerweile alle (!) zuhause oder in einer anderen Klinik. Keiner hat es bis zum Ende durchgezogen.

Mir ist bewusst, dass es in Kliniken Regeln geben muss. Gerade bei Essstörungen, die ja von Zwängen und Verboten, von merkwürdigen Verhaltensweisen geprägt sind, ist das absolut wichtig. Nicht nur, um für ein störungsfreies Miteinander zu sorgen, sondern auch, um gegen Ängste anzugehen, Grenzen zu überwinden, indem Situationen anders durchdacht werden müssen. All das kannte ich auch bereits aus einer anderen spezialisierten Klinik. Nichtsdestotrotz wurde mir das in Rosenheim recht schnell zu viel.

Regel-Overload: Die neue Angst vorm Essen

Um die Absurdität des Ganzen zu demonstrieren, habe ich mir irgendwann mal den Spaß erlaubt, die Regeln allein fürs Frühstück zu dokumentieren. Das fing damit an, dass wir zwangsläufig morgens ein Vollkorn- und ein Weizenbrötchen essen mussten. Im Lauf der Zeit bestimmten die anwesenden Co-Therapeuten bei einigen auch noch die Reihenfolge. Durcheinander durften wir die Brötchen nicht essen und auch nicht alle Hälften auf einmal schmieren. Süße und herzhafte Beläge durften nicht vermischt werden, die Butter musste exakt geviertelt werden, es durften nicht mehr als zwei identische Beläge genommen werden, Obst und Gemüse, Joghurt, Quark oder Müsli gab es überhaupt nicht, Käse in Scheiben musste vorbestellt werden. Die Tassen mussten bis exakt zwei Finger unter den Rand gefüllt sein, durften nicht durcheinander getrunken werden, und auch zuerst zu trinken oder zum Abschluss zu trinken war nicht gestattet. Während des Essens durfte die Serviette nicht benutzt werden, auch nicht aufgestanden. Schälchen mussten ausgekratzt, der Teller von Krümeln befreit werden. Genug, aber nicht zu viel, denn auch das war essgestört. Wir sollten uns anlehnen, beide Füße auf den Boden. Für das Ganze Prozedere hatten wir 30 Minuten Zeit. Und das sind nur einige der Regeln!

Teilweise verstehe ich das. Eine Co-Therapeutin erklärte uns beispielsweise einmal, dass jeder Krümel, der auf dem Teller bliebe, und jedes Mü Honig, das im Schälchen hänge, ein Erfolg für die Essstörung sei. Und aus diesen übrig gelassenen Krümeln könne am Ende wieder leicht ein ganzes nicht gegessenes Brötchen werden. Das fand ich toll. Es war eine großartige Erklärung, die ich erfahrungsgemäß nachvollziehen konnte. Sie bedeutete ja nicht, dass wir für den Rest unseres Lebens gezwungen sein würden, unsere Schälchen exzessiv auszukratzen, sondern lediglich in dieser ersten harten Phase der Essstörung. Konnte ich gut nachvollziehen. Als ich das beherzigte und fortan meine Schälchen und mein Tellerchen höchst sauber hinterließ, wurde auch das irgendwann kritisiert. Man könne es auch übertreiben, hieß es, das sei essgestört. Und zwar am Tisch, mitten rein ins Gespräch.
Essen wurde für mich zu einer ganz neu frustrierenden Erfahrung.
Zum allerersten Mal hatte ich den Eindruck, ich könne es nur falsch machen, ich würde zwangsläufig während der kommenden Mahlzeit einen „Fehler“ machen, gegen irgendeine Regel verstoßen, weil ich nicht achtsam genug oder weil mir die Regel nicht bekannt war. Ich entwickelte regelrecht Angst vor der Esssituation. Uns sollte beigebracht werden, Essen als etwas völlig Normales zu sehen. Es weder überzubewerten noch als zu unwichtig. Ein gesundes Mittelmaß zu finden. Was an sich richtig und wichtig ist. Das gelang bei mir jedoch überhaupt nicht. Im Gegenteil. Essen wurde für mich zur absoluten Horrorsituation.
Nicht immer, das sei dazu gesagt. Es war auch sehr abhängig von den Beobachtern, die mit am Tisch (s)aßen. Waren diese entspannt und brachten sich ins Gespräch ein, schlemmten sie mit, kritisierten sie freundlich, konstruktiv und in angemessenen Momenten, die nicht gleich jegliche gute Stimmung und jede interessante Konversation im Kern erstickte, dann war es in Ordnung, vielleicht sogar angenehm für mich. Noch immer angespannt, aber erträglich. Der Ton macht auch viel Musik.

Wenn Ziele neue Zwänge machen

Meine Essstörung ist stark geprägt von Zwängen. Die sehr strikten Regeln in dieser Klinik bestärkten und verstärkten diese leider. Meine Essstörung mag es nicht, Brötchen zu mischen. Meine Essstörung mag auch nicht, wenn etwas nicht perfekt ist. Meine Essstörung käme nie auf die Idee, süß und herzhaft zu mischen. Meine Essstörung hasst Spontanität. Meine Essstörung teilt sehr gerne in gesunde und ungesunde Lebensmittel, wobei sie Letztere konsequent vermeiden möchte. Gegen all das wurde nicht vorgegangen. Im Gegenteil. Das meiste war regelkonform.
Insbesondere die Unterteilung von bösem und schlechtem Essen finde ich dabei hochgradig problematisch. Pro Brot oder Brötchen mussten wir beispielsweise einen Belag auswählen. Hier gab es vegetarische Streichcremes, -wurst, morgens noch süße Aufstriche sowie Frischkäse. Wurst und Käse musste, wie erwähnt, gesondert für den nächsten Tag bestellt werden. Ebenso wie übrigens die Brotsorten für den Abend. Nun wurden diese Aufstriche allerdings nicht gleichwertig behandelt, sondern in „gut“ und „essgestört“ unterteilt. Nuss-Nougat-Creme war gut, Pflaumenmus essgestört. Obazda war gut, Frischkäse (und wir sprechen hier von hartem Sahne-Frischkäse) war Ausdruck der Krankheit. Was wurden wir immer wieder für die Auswahl der Aufstriche kritisiert. In einer späteren Phase hätte ich das verstanden. Aber doch nicht am Anfang. Warum gab es denn überhaupt angeblich unterschiedlich „wertige“ Beläge? Warum nicht – und ich behaupte noch immer, dass es kalorientechnisch keinen riesigen Unterschied hat machen können – alle ähnlich, um uns zu zeigen: Es gibt keine bösen und schlechten Lebensmittel. Entscheide nach Lust, nicht nach dem, was dir deine Essstörung sagt.
Die Tischziele machten die Sache dann nicht einfacher. Wir trafen uns einmal pro Woche, um Ziele für die kommenden sieben Tage festzulegen. Ziele bezüglich Essen, aber auch auf unser Essverhalten gemünzt. Grundsätzlich eine großartige Idee. Es gab einmal ein Ziel, an das sich die ganze Gruppe zu halten hatte und jeweils drei individuelle Ess- und Verhaltensziele. Fand ich eine tolle Sache und einen guten Ansporn. Nur kamen mir da die Regeln in den Weg: Für mich wäre es ein Ziel gewesen, morgens Obazda zu essen – gab es aber nicht. Oder eine Hälfte Weizenbrötchen, dann das Vollkornbrötchen, dann wieder Weizen – war verboten. Oder erst vegetarisch herzhaften Aufschnitt, dann Honig, dann Käse, dann Marmelade – war verboten. All das wäre meiner Essstörung gewaltig gegen den Strich gegangen. Was ja gut gewesen wäre im Kampf gegen sie. Also hatte sie diesbezüglich leider weitgehend freie Bahn.

Die einzig wahre Essstörung

Und hierin liegt eben leider auch der größte Kritikpunkt am Konzept: Es ist so strikt und starr und streng, das es Scheuklappen hat. Sinnvoll wäre für mich gewesen – und so kenne ich das auch aus anderen Kliniken –, wenn erstmal die individuellen Probleme der jeweiligen Essstörung herausgearbeitet worden wären. Sowohl im Gespräch als auch in der Beobachtung. Stattdessen wurde aber jede Essstörung als die einzige Essstörung gewertet, jedes vermeintlich auffällige Verhalten als Teil der Essstörung. Individuelle Probleme existierten nicht, Frischkäse war per se böser Ausdruck der Krankheit. Das funktioniert für mich aber nicht. Meiner Erfahrung nach ist eine Essstörung – wenn auch ganz bestimmt in vielen Aspekten ähnlich – immer auch etwas Individuelles. Was mir schwerfällt, kann für einen anderen Pipifax sein; was für mich kein Grund ist, darüber nachzudenken, kann für einen anderen der Horror sein.

Dann gab es noch eine Kleiderordnung, die ich für ziemlich absurd halte. Unter einem bestimmten BMI durfte keine enge Kleidung getragen werden, Schlüsselbeine oder gar Schultern wurden in diesem Gewichtsbereich bitteschön tunlichst nicht gezeigt. Wir sollten uns – beziehungsweise unsere Essstöung – nicht exponieren, wir sollten keinen Neid anregen. Das verstehe ich in einem gewissen Maß. Aber: Außerhalb der Klinik müssen wir uns auch mit unserem Aussehen auseinandersetzen. Und die anderen auch. Alles abzuschirmen, finde ich nicht richtig, Käseglocke und Schutz hin oder her.

Medizinische Versorgung

Mein letzter Aufreger oder meine letzte Enttäuschung bezüglich der Klinik betrifft den medizinischen Bereich. Ich kam im sehr, sehr starken Untergewicht und mit ehemals offenen Beinen (Ulcus Cruris). Ich war schwach, konnte kaum mehr laufen, meine Blutwerte waren vermutlich eine Vollkatastrophe. Eine medizinische Versorgung war absolut notwendig, und entsprechend wenig hatte ich an sich gegen die Monitor-Überwachung. Im Gegenteil, ich kam mir dadurch sogar sehr behütet, beschützt, versorgt vor. Viel besser, als zuhause umzukippen, an Herzstillstand zu sterben oder was auch immer. Ohne dass das jemand mitbekommen hätte.
Auch die wöchentlichen BIAs, um meine Wassereinlagerungen im Auge zu behalten, fand ich super. Ich bekam aus demselben Grund sogar zweimal einen Herz-Ultraschall. Die regelmäßige Blutabnahme: prima. Das Wiegen: okay, aber auch das medizinisch notwendig. Bis dahin: Lob. Das funktionierte 1A, nett, freundlich, kompetent. Sogar mit super Erklärungen.
Was dagegen gar nicht ging, waren manche Aussagen bezüglich der Ernährung. So sagte mir der Oberarzt auf meine Kritik des mangelnden Eiweiß-Anteils beim Essen auf den Kopf: „Na ja, derzeit ist es egal, was wir in Sie hineinstopfen, Hauptsache, es kommt was rein.“ Untergewicht, körperlicher Zustand hin oder her – das empfinde ich als despektierlich und bezüglich der Essstörung als psychisch fragwürdig. Denn was macht ein solcher Satz mit einer Magersüchtigen, die ohnehin schon Angst vor Essen hat? Doch nur, dass sie sich wie das hinterletzte Mastschwein vorkommt, oder?
Schweine spielen dann auch für eine weitere (meiner Meinung nach) fragwürdige Einstellung der Klinik eine Rolle, denn vegetarische Ernährung war gar nicht gern gesehen. Um nicht zu sagen: akzeptiert, aber bei jeder Gelegenheit abgewertet. Als Vegetarier (nicht als Veganer!) ist es an sich ziemlich einfach und von den Kosten her vergleichbar, den persönlichen Eiweißbedarf so problemlos zu decken wie ein Fleisch-Esser. Wenn man will. Bietet man allerdings kaum Käse, keinen Quark, keinen Joghurt, kaum Tofu und Hülsenfrüchte an, dann ist es schwierig. Dass das teurer wäre als ein Hähnchenschnitzel, das kann ich mir nicht vorstellen.
So wurden uns immer wieder Vorwürfe gemacht, wir seien selbst schuld daran, nicht schneller zu gesunden. Eine vegetarische Ernährung sei definitiv nicht normal. Eine vegetarische Ernährung sei stattdessen immer und ausschließlich Ausdruck einer Essstörung. Es könne und dürfe doch nicht sein, dass wir unsere Moral über unsere Gesundheit stellten. Wie geschrieben, körperlicher Zustand hin oder her, solange es einfache Alternativen gibt, sehe ich es nicht ein, meine Moral über Bord zu werfen.
„Schön“ war auch die Aussage, das Refeeding-Syndrom existiere nicht. Es gebe Studien, die belegten, all die zugehörigen Symptome seien rein zufälliger Natur. Ich sag es mal so: Wenn man möchte, dann findet man Studien zu allem, Beweise zu allem. Grundsätzlich ist es sicher auch nicht verkehrt, gefährdeten Patienten ihre Angst zu nehmen. Mit medizinisch fragwürdigen Aussagen hat das bei mir jedenfalls nicht funktioniert. Im Gegenteil, ich war beunruhigt.
Die Ergebnisse meiner BIA-Untersuchungen habe ich übrigens nie bekommen. Warum? Weil die in meinem Untergewichtsbereich ohnehin nicht aussagekräftig sei. Wieso ich sie dann mitgemacht habe, fragte ich auf diese Stellungnahme hin. Weil gerade analysiert werde, ob es nicht doch eine Aussage habe. Aha. Zur Teilnahme an einer solchen Studie hatte ich mich allerdings nie bereiterklärt.
Und dann kam natürlich die Sache mit Instagram. Ich habe einen Instagram-Account, auf dem ich meine Geschichte teile. Natürlich mit Fotos, das ist da nun mal so. Aus der Klinik habe ich selbstverständlich nie Fotos gepostet, auf denen andere Patienten erkennbar gewesen wären. So viel Respekt und Verstand habe ich dann doch noch. Während ich in der einen Woche zu krank zum Laufen und eigentlich auch zum Leben gewesen war, wurde ich nach Bekanntwerden dieses Accounts standepede rausgeworfen. Ohne Krankentransport oder Begleitung. Und bitte so schnell wie möglich. Dazu musste ich dann eben in der Lage sein. Der Oberarzt stand vor mir und schrie mich an, ohne dass ich überhaupt wusste, was Sache war. Er war wahnsinnig wütend und drohte mir mit rechtlichen Konsequenzen. Ich war froh, dass ich wenigstens die letzten zwölf Stunden vor meiner Entlassung den Rollstuhl nicht mehr benutzen musste. Dennoch halte ich es medizinisch für fragwürdig, wenn nicht sogar für gefährlich.

Persönliches Fazit?

Kann ich die Schön Klinik in Rosenheim aufgrund meiner persönlichen (!) Erfahrungen empfehlen? Ich sage hier weder nein noch ja. Meine Erfahrungen dort waren teilweise schlimm, und ich bin tatsächlich hochgradig traumatisiert zurückgekehrt. Geholfen hat mir wenig, inspiriert bin ich ein bisschen, motiviert ebenso. Körperlich hat es mir dringend benötigte Stabilität wiedergegeben. Konzeptuell war ich in vielen Punkten zu sehr anti, zu sehr nicht einverstanden mit der Behandlung. Auf persönlicher wie auf medizinischer Ebene.
Dennoch bin ich überzeugt davon, dass das Konzept dem ein oder anderen helfen kann. Allen voran denjenigen, die wirklich komplett aufgehört haben, zu essen. Denjenigen, die bestimmte Lebensmittel gar nicht mehr essen können. Denjenigen, die ihren Bewegungsdrang überhaupt nicht in Griff bekommen. Und, so böse das klingt, denjenigen, die bereit sind, ihr Hirn ein bisschen mehr auszuschalten, als ich das konnte.
Dieser Artikel soll niemandem Angst machen. Er soll auch niemanden darin bestärken, dass eine Klinik böse ist. Oder rechtfertigen, nicht in die Klinik zu gehen. In Rosenheim hat es niemand böse mit mir gemeint. Alle wollten mir helfen, meine Krankheit zu überwinden. Roseneck und ich – vielleicht auch die Schön Klinik und ich – haben schlichtweg nicht zusammengepasst. Das heißt nicht, dass es für andere nicht funktioniert. Das heißt auch nicht, dass mir nicht woanders besser geholfen werden kann. Es gibt so viele unterschiedliche Konzepte.
Wenn ihr den Eindruck habt, es alleine nicht zu schaffen, dann geht in eine Klinik. Schaut sie euch an, ruft dreizehn Mal an, um Fragen zu stellen. Macht euch klar, was ihr wollt, braucht und worauf ihr euch einlassen könnt und wollt. Dann kann die Klinik eine wunderbare Sache sein auf dem Weg, gesund zu werden!

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