Warum Essgestörte die Dokumentation über Aenne Burda angucken sollten …

Was wir definitiv von Aenne Burda lernen können? Zu sich zu stehen. Radikal. Trotz aller Widrigkeiten. Und das zeigt uns auch der erstaunlich und überraschend gut gemachte ARD-Spielfilm Aenne Burda – Die Wirtschaftswunderfrau.

Wer sie nicht kennt: Aenne Burda war lange, lange, lange Zeit die Herausgeberin der burda, einer Zeitschrift für Schnittmuster und Mode. Übrigens die einzige Inkonsequenz in ihrem Leben: Ich finde, sie hätte die Zeitschrift aenne nennen sollen und nicht den Titel nach dem Nachnamen ihres Mannes wählen, aber vielleicht gibt es auch dafür eine logische Erklärung, die ich (noch?) nicht erkenne.

Jedenfalls dachte ich, diese Frau Burda sei so ein biederes Modepüppi gewesen. Frau hinterm Herd, die uns anderen nun dazu verdonnern wolle, auch noch nähen zu müssen. Wie alt die burda ist und vor allem, in welcher Zeit sie entstand (Nachkrieg, Mode musste quasi in Eigenregie und -produktion hergestellt werden, man hatte ja nüscht), darüber wusste ich nichts.

Vor allem waren mir aber die Widrigkeiten nicht bekannt, die mit der Produktion des Magazins und Aennes Leben einhergingen: den Betrug ihres Mannes über Jahre hinweg, indem er sich recht schamlos und offen eine Zweitfamilie mit seiner geliebten Ex-Sekretärin anschafft, über die alle Bescheid wissen. Alle, außer lange Zeit Aenne. Dass er seiner Geliebten die Leitung dieses Magazins überschreibt, das sie schon ewig haben will, setzt dem Ganzen die Krone auf. Und als sie das erfährt, ändert sich ihr Leben und das der anderen radikal. Nein, sie ändert das Leben von sich und den anderen radikal.

Mit einer unglaublichen Konsequenz, Willenskraft und Stärke setzt sie sich für sich selbst und ihre Träume ein. Sie geht irrationale Risiken ein, sie wagt, sie gewinnt. Sie hätte auch böse auf die … auf den Mund fallen können. Sie hat Glück im Unglück. Sie ist mutig – auch dumm. Sie ist verbittert. Aber: Sie wagt.

Sie verharrt nicht in ihrer Komfortzone. Sie macht es sich nicht leicht. Sie schreckt nicht zurück, und sie lässt sich auch nicht abschrecken. Nicht von der Meinung der anderen, nicht von den Steinen, die ihr – teils von geliebten, teils von fremden – Menschen in den Weg gelegt werden. Vor allem aber lässt sie sich nicht brechen. Wie es Robbie Williams ausdrückt: “I know that life won’t break me”. Sie hat keine Ahnung, ob das Leben sie brechen oder kaputtmachen wird, aber sie macht weiter.

Sie agiert hart, diszipliniert, teilweise unfassbar arrogant, manchmal wirklich gemein. Manchmal auch egoistisch. Und warum? Aus Rache? Aus Verletzung? Teilweise bestimmt, aber vor allem, weil sie sich selbst treu bleibt. Und das halte ich für positiv. Für eine Art positiven Egoismus, von dem sich Essgestörte wirklich etwas abschauen können und sollten. Denn nur auf diese Art und Weise können wir alle für uns selbst einstehen. Für unsere Bedürfnisse, unsere Ziele und die Idee von Leben. Für die Option, am Ende zufrieden zu sein. Oder vielleicht sogar nicht nur am Ende.

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