„Sie erwarten mal wieder zu viel von sich, Frau W.“, sagte mein Therapeut, als er merkte, dass es bergab mit mir ging und ich mich selbst am meisten dafür verurteilte. „Ein Rückfall ist bei einer Essstörung etwas ganz Normales. Es hätte mich gewundert, wenn Sie jetzt straight einfach geheilt gewesen wären.“

Mein Therapeut ist ein cooler Typ. ER verurteilte mich nicht für meinen Rückfall. ICH mich schon. Es hätte doch alles besser laufen sollen nach der Klinik. Ich hätte doch aufmerksam genug sein müssen, um die Warnzeichen zu erkennen. Und überhaupt: viel schlauer als vorher.

War ich aber nicht. Ich schlitterte wieder rein. Meine Essstörung hatte mir die Hand hingehalten und ich hatte sie freudig angenommen. Und dafür hasste ich sie. Also mich. Uns.

Ein Rückfall ganz normal? Das konnte und wollte ich so nicht hinnehmen. Viel besser, viel einfacher, viel gewohnter war doch das Selbstverurteilen. Die Bestrafung. Die Schuldzuweisung. Eine Essstörung hat ja irgendwie auch immer etwas Selbstzerstörerisches, Masochistisches.

„Vielleicht brauchten Sie das auch. Vielleicht mussten Sie noch einmal tiefer fallen.“, hatte er noch gesagt. Auch damit konnte ich schlecht leben. Ich, die sich doch selbst immer als so reflektiert und klug betrachtet. Ich sollte mich bewusst an einen noch mieseren Punkt geführt haben? Das war doch unlogisch und dumm. Und dennoch: Vielleicht hatte er Recht? Vielleicht musste ich mir noch einmal – sowohl körperlich als auch geistig – beweisen, dass ich jederzeit zurückkonnte, wenn ich das wollte. Obwohl ich eigentlich nicht wollte. Nicht mehr. Obwohl ich wusste, wie dumm das war. Obwohl ich wusste, dass es zu nichts führte. Außer zu sterben. Innerlich und äußerlich.

Eine Essstörung – das dürfen wir nie vergessen – ist ein hinterhältiges Biest, das sich in unseren Alltag schleicht, ohne dass wir es merken (wollen). Sie erfüllt ein Bedürfnis, das wir auf andere, gesunde Weise gerade nicht erfüllt bekommen. Bei mir war es die Bestätigung: Während mich niemand von „außen“ dafür lobte, wie gut ich mein Leben gerade in den Griff bekam, belohnte ich mich eben selbst mit Essen. Aber nur dann, wenn ich eben bestimmte Dinge erfüllt hatte, seien es Uhrzeiten oder Aufgaben. Erst dann durfte ich Nahrung zu mir nehmen, erst dann durfte es mir gut gehen. Und damit gab ich das, wofür ich hatte gelobt werden wollen, wieder aus der Hand: mein Leben und wie ich es meisterte.

Natürlich war mir von Anfang an bewusst, dass das kein gesundes Verhalten war. War mir aber egal. Ich war so sehr auf der Suche nach Bestätigung, dass ich keinen anderen Weg als den altbekannten sah. Diese Erkenntnis hatte ich zwar in der Klinik schon gehabt – Strategien waren mir aber nicht mitgegeben worden. Und genaugenommen habe ich die auch heute noch nicht. Deswegen spielen die Krankheit und ich immer ein klein wenig Russisch Roulette.

Es ist unsere Aufgabe, neue Strategien zu finden, um gesund zu werden. Ohne sie werden wir immer wieder in unsere essgestörten Muster zurückfallen, die uns Sicherheit und Struktur geben. Unsere Komfortzonen. Vermeintliche Komfortoasen.

Neue Strategien, neue Muster auszuprobieren, ist nicht leicht, es tut oft weh, kann aber auch Spaß machen. Wir müssen uns dabei allerdings eins immer wieder ins Gedächtnis rufen: Wir tun das – ausschließlich! – für uns und unsere Gesundung, unser Leben und nicht für andere. Dann ist es auch nicht gar so schlimm, wenn nicht alles von Anfang an einwandfrei funktioniert (Stichpunkt: Erwartungshaltung).

Denn das kommt ja erschwerend hinzu: Wir sind verdammte Perfektionisten. Läuft etwas nicht von Anfang an so, wie wir uns das vorgestellt haben, schwenken wir schnell zum Schwarz-Weiß-Denken: Dann können wir es auch gleich lassen.

Selbstverständlich ist das Quatsch und eine der Denkfallen unserer hinterfotzigen Essstörung. Der Weg raus ist keine gerade, betonierte Straße. Vielleicht muss jeder seinen eigenen schmutzigen Trampelpfad gehen, vielleicht bekommen wir auf dem Weg Schrammen, Kratzer und blaue Flecken. Vielleicht gehen wir mal ein paar Schritte rückwärts und machen dann einen riesigen Schritt nach vorne. Nehmen Umwege und falsche Abzweigungen. Alles möglich. Es gibt nicht den einen Weg raus. Es gibt auch nicht den Klick und den Beamer zur Gesundung. Und der Weg raus ist zwar wortwörtliches Zuckerschlecken, aber nicht witzig, es ist ein Kampf. Und zwar ein täglicher. Das kann und will ich nicht schönreden. Denn dann kommt wieder die Sache mit der Erwartung.

Wenn wir uns das aber bewusst machen: Kämpfen – steiniger Weg – essgestörte Hinterhältigkeit – Rückfallmöglichkeit, dann kommt es vielleicht auch nicht so schnell zu der Selbstverurteilung, die uns den Kampf, für den wir jede Menge Kraft brauchen, – so madig macht.

Tief durchatmen und denken. Immer wieder.

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