Warum der Rückfall dazugehören darf, aber das Aufgeben nicht …

Ich bin gerade rezidiv. Cooles Wort für eine nicht so coole Sache. Es ist der Fachbegriff für einen Rückfall.

Ich bin gerade rezidiv. Und ich wünschte, es wäre anders.

Wir alle möchten, dass es in der Heilungsphase einer Krankheit immer aufwärts geht. Dass wir schnell gesund werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein körperliches oder ein psychisches Leiden handelt. Der Krebs soll genauso wenig zurückkehren wie die Essstörung.

In der Klinik läuft es irgendwann bei den meisten. Wir machen weiter, wir bekommen Unterstützung. Es geht voran. Wir werden mutiger, wir verlieren durch hartes Training unsere Ängste nach und nach. Wir gesunden.

Dann werden wir entlassen. Und dann gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder alles ist für immer super. Wir gehen die Schritte weiter. Wir nutzen den Trampelpfad der Veränderung und machen einen Highway aus ihm, der sich Leben nennt.

Oder aber wir gehen zurück. Wir erschrecken, wir bekommen Angst, wir werden unsicher. Und dann ist er da, der Rückfall. Denn die Essstörung ist ein Biest, das sich unser Leben ganz langsam und subtil zurückerobert. Wenn wir ihr einen kleinen Krümel reichen, nimmt sie sich das ganze Brötchen. Ohne dass wir das merken? Nein. Wir merken es. Wir lassen es nur zu. Weil wir sie kennen. Weil sie unser Autopilot auf dem beängstigenden Highway ist.

Nach der Klinik weiterzumachen, erfordert Mut. Und noch viel mehr Mut erfordert es, im Rückfall weiterzumachen. Wenn wir den Autopilot längst wieder angeschaltet haben. Und dann ist es nicht angemessen, uns zu verurteilen. Dazu neigen wir nämlich sehr gerne: Toll, jetzt haben wir es wieder verkackt. All unsere Zweifler hatten Recht. Wir kriegen es ja eh nicht auf die Reihe. War ja klar.

All diese Selbstverurteilung führt aber zu nichts. Stattdessen Autopilot ausschalten, Mut anschalten, weiterfahren, Gas geben.

Was wir niemals vergessen dürfen: Wir sitzen am Lenkrad. Wir haben den Steuerknüppel in der Hand. Und wir dürfen uns jederzeit entscheiden, in welche Richtung wir fahren.

Zu hohe Erwartungen bringen nichts. Nur weil wir einmal verharren, dürfen wir uns dem Scheitern nicht hingeben.

Mir wurde dazu Folgendes gesagt, und das hilft mir derzeit sehr: Es geht nicht darum, nur dann weiterzumachen, wenn wir gut drauf sind, wenn wir uns tapfer und stark fühlen, wenn wir innerliche oder äußerliche Motivation verspüren. Es geht darum, genau dann weiterzumachen, wenn uns eben nicht danach ist. Wenn die Stimme der Essstörung schreit. Denn genau da sitzt die Angst. Genau da sitzt aber vor allem der Tod.

Recovery is not linear. Genesung geht nicht immer nur voran. Genesung ist erst dann abgeschlossen, wenn wir gesund sind. Und bezogen auf eine Essstörung bedeutet “gesund” schlicht und ergreifend FREI.

Und dann macht der Highway auch keine Angst mehr? Oh doch. Aber wir haben die Kraft und die Weisheit, der zu begegnen. Das kennen wir dann nämlich.

In der Phase des Rückfalls heißt es also durchaus: aufstehen, schütteln, Krone richten. Weitermachen. Nicht jeden Tag, sondern jede Entscheidung. Jede Minute. Denn wahre Plattitüde: Wir leben nur ein Mal. Über das Wie entscheiden wir.

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