„Ach du Scheiße, so viel hast du seit Wochen nicht mehr gegessen.“

„Wie viel Kalorien hat das wohl?“
„Na ja, dieses ungesunde Essen, das muss jetzt eigentlich nicht sein.“

„Wenn mir das zu viel ist heute, dann kann ich das ja auch wann anders essen.“

„Wenn mir X zu viel ist, ich aber Lust darauf habe, dann könnte ich ja Y dafür weglassen.“

„Übertreiben musst du es jetzt aber auch nicht, es reicht dann auch mal – verlier ja nicht die Kontrolle.“

 

Kennt ihr diese Sätze?

Kennt ihr diese Stimme im Kopf, die euch sagt: Bloß nicht zu viel, bloß nicht jetzt, bloß nicht heute, bloß nicht dieses oder jenes?

Willkommen in der Essstörung.

Da ist diese Stimme im Kopf, ganz klar. Die Stimme im Kopf, die uns unsere sicheren Inseln vorgaukelt, unsere Regeln, unsere Verbote. Die uns sagt, wenn wir unserem Gefühl nachgeben, unserer Lust, dann sind wir Schwächlinge, Versager, haben nichts erreicht. Die uns einlullt, umspielt, umarmt. Befiehlt.

Viel zu lange und viel zu oft bleibt es beim Monolog. Die Stimme diktiert. Wir folgen.

Um gesund zu werden, brauchen wir aber den Dialog.

Wir müssen uns aktiv gegen die Stimme wehren. Wir müssen die Sätze in ihrer Absurdität entlarven. Nur dann können wir den nächsten Schritt gehen und tun. Handeln. Wenn wir der Stimme Raum geben, nicht hinterfragen, dann ist sie auch unsere Handlungsanweisung.

So viel habe ich also seit Wochen nicht mehr gegessen. Okay. Und nun? Ich möchte ja gesund werden und darf so viel essen, wie ich möchte. Wie ich brauche. Wie mein Körper braucht. Um wieder zu Kräften zu kommen. Um weder geistig noch körperlich schwach zu sein.

Wie viel Kalorien hat das wohl? Tja, wer weiß das schon. Beim Döner. Beim Kuchen. Beim Brot. Oder den leckeren Gnocchi im Restaurant. Oder auch nur bei der dicken Pflaume, auf die ich gerade Lust habe. Und: Welche Rolle spielt es denn? Jede Kalorie ist ein LEBENsmittel. Ein kleiner Energiepunkt eines lebenswerten Lebens statt essgestörten Vegetierens.

Das ungesunde Essen muss (jetzt) nicht sein?  Was ist denn ungesund? Kann Lust ungesund sein? Und bin ich nicht mit Essstörung wesentlich ungesünder als durch jedes vermeintlich ungesunde Nahrungsmittel?

Wenn mir das heute zu viel ist, kann ich es auch wann anders essen – oder gleich ganz weglassen. Klar, kann ich. Das hab ich mir ja über Jahre bewiesen und mich in einen vollkommen geistes- und körperkranken Zustand gebracht. Aber will ich das denn noch? Steht es denn gerade an? Ist es morgen einfacher? Und was passiert, wenn ich es stattdessen einfach heute esse? Könnte am Ende ja gut werden – und, skandalöser Gedanke, nicht nur gut schmecken, sondern auch gut tun.

Übertreiben musst du es nun auch nicht. Was ist denn übertrieben in der Phase des Gesundwerdens? Ist das wirklich Kontrollverlust?  Oder ist das vielmehr das Wiedererlangen von Kontrolle über unser Leben? Unsere Eigenständigkeit, was unser Essen angeht?

 

Erst wenn ein solcher Dialog entsteht, dann haben wir eine Chance auf Heilung. Denn: All diese Fragen kann die Essstörung gar nicht zufriedenstellend beantworten.

Diese Stimme im Kopf, die will nämlich nur eine einzige Sache von uns: Dass wir sterben. Dass wir einsam sind, dass wir sozial isoliert sind, dass wir Ängste vor Essen entwickeln, dass wir uns selbst schädigen und demütigen. Sie möchte, dass wir schwach und schwächer werden, um ja nicht dieses große unbekannte Leben da draußen kennen zu lernen, das uns Angst macht. Angst vor Unbekanntem, vor neuen Erfahrungen, vor Erwartungen.

Zu Recht. Denn das Leben ist nun mal eine große Unbekannte. Vielleicht wird es toll, vielleicht wird es furchtbar. Vielleicht werden wir verletzt, sind traurig und einsam. Vielleicht erfahren wir aber auch ganz tiefe Liebe, Vertrauen und feiern Erfolge, in welcher Hinsicht auch immer.

Das Leben ist ein Risiko, die Essstörung ist es nicht.

Die Essstörung ist absolute Sicherheit: Gehen wir nicht in den gesunden Dialog mit ihr, dann ist sie absolut sicher und einhundertprozentig der Tod. Wenn nicht im Grab, dann zumindest im Vegetieren.

Wir dürfen nie vergessen, dass wir nur dieses eine Leben haben und dass es uns allein obliegt, wie wir es gestalten und ob wir es LEBEN wollen. No risk, no life.

In den Dialog mit der Essstörung zu gehen, ist der erste und einzige Schritt in ein freies, selbstbestimmtes Leben. Hinterfragen. Entlarven. Durchaus sarkastisch sein. Fragen, wo wir hin wollen, aber manchmal auch, wo wir nicht hin wollen. Den Worst Case in beiden Fällen einer Entscheidung erfragen.

Und nach dem Erfragen? Ertragen. Aushalten. Weitermachen. Sich Schritt für Schritt herausfragen und kennenlernen. Ein neues Leben kennenlernen. Was soll denn schon passieren? Geht es wirklich schlechter als mit Essstörung? Mit Zwängen? Mit Verboten? Oder besteht auch nur die geringste Chance, dass es ein Mü besser wird? Schöner wird? LEBENSWERTer wird.

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