Wir wollen gesund werden. Leben. Das Leben genießen. Das Essen genießen. Ohne Selbstverurteilung. Ohne das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Gesund sein. Ohne Essstörung sein. Und irgendwie auch nicht.

Wir zweifeln und wir verzweifeln. Und dann verzweifeln wir an unseren Zweifeln und unserem Verzweifeln. Klar?

Es gibt immer wieder Phasen in der Gesundwerdung, in denen wir uns nicht sicher sind, ob der Weg der richtige ist. Das kann passieren, wenn die Waage nicht das Ergebnis zeigt, das wir – die kranke Seite in uns – uns gewünscht hatten. Oder wenn die Verlockung der Toilette und Abführmittel einfach so groß erscheint, dass wir nicht wissen, woher wir die Disziplin im Kampf nehmen sollen.

Dann ist unsere gesunde Stimme ganz, ganz klein. Und die Stimme der Essstörung ganz, ganz groß. Das Fatale ist in diesen Momenten: Es erscheint uns so richtig und logisch, was sie uns sagt. Und dann folgen wir ihr, ohne uns großartig mit der leiseren Stimme zu beschäftigen.

Dabei wissen wir natürlich an sich ganz genau, dass der Engel auf der Schulter Recht hat, nicht der kleine Teufel. Wir wissen genau, was im Sinne der Gesundheit richtig wäre. Aber manchmal fehlt uns eben die Kraft, das auch umzusetzen. Mit voller Energie gegen die Essstörung zu kämpfen. Wenn es doch so leicht und sicher ist, sich ihr zu fügen. Ihre lauschige Behaglichkeit des Bekannten zu genießen.

Dann wird die Essstörung zu einer großen gemütlichen Decke, in die wir uns einkugeln können und vor der Welt verstecken. Nur ja mit nichts Bösem da draußen auseinandersetzen. Mit Unbekanntem. Mit einem weiteren Schritt in ein echtes Leben, das wir doch so noch überhaupt nicht kennen. Und von dem wir gar nicht so richtig wissen, ob es das wert ist.

Leben aber bedeutet immer Unsicherheit und Unvorhergesehenes. Genau das macht uns ja Angst: Niemand kann uns eine Garantie dafür geben, dass irgendwann mal alles gut sein wird. Niemand kann uns eine Garantie dafür geben, dass wir irgendwann keine blöden, essgestörten Gedanken mehr haben. Und niemand kann uns eine Garantie dafür geben, dass sich unsere Wünsche erfüllen.

Also verharren wir lieber in der Angst und der Rechtfertigung: Solange ich essgestört bin, kann ich ja eh nicht XY. Lieber nicht gesundwerden.

Das Problem ist, dass wir unser Leben mit Essstörung niemals genießen werden. Es wird nie gut werden. Diese Garantie gibt es. Dazu hält sie uns von zu vielem ab, verhindert zu viel von den Dingen, die wir gerne haben oder gerne machen würden.

Aus dieser Garantie lässt sich noch eine andere ziehen, die den Kampf vielleicht wieder ein wenig leichter macht: Die Garantie, dass es nur besser werden kann, wenn wir gegen sie kämpfen. Und dass das Leben – egal, wie unsicher – immer spannender ist als der halb-lebendige Zustand, in dem uns die Essstörung verharren lässt.

Teilen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.