Wie oft wünschen wir Menschen uns, etwas rückgängig zu machen. Eine Zeitmaschine, die uns etwas überspringen lässt. Oder die uns zu Momenten führt, in denen wir die vermeintlich falschen Entscheidungen getroffen haben. Diese falschen Entscheidungen, wegen der wir jetzt ganz arm dran sind. Ohne die es uns ganz bestimmt wesentlich besser ginge.

Ironie bemerkt? Wenn nicht, dann nochmal ganz deutlich: Ich glaube nicht an falsche Entscheidungen. Und wenngleich auch ich mir auch oft diese Zeitmaschine wünsche, glaube ich, dass wir uns mit solchen Reuegedanken nur unnötig schwer machen. Mein produktiver Vorschlag statt Reue lautet: Wiedergutmachung.

Natürlich hätten wir uns damals, als unsere Essstörung ihren Anfang nahm, anders entscheiden können. Natürlich hätten wir sehen können, dass wir uns nicht gesund verhalten und möglicherweise sogar, wohin uns das führt. Natürlich hätten wir stärker und klüger sein müssen. Und natürlich ist eine Essstörung eine ausgesprochen dumme Krankheit.

Und trotzdem keine, für die wir uns bewusst entschieden haben. Eine Essstörung ist immer nur ein Symptom unserer Hilflosigkeit. Als sie angefangen hat, haben wir sie gebraucht. Sie war uns Hilfe und Schutz und treue Begleitung. Und noch etwas ganz Wichtiges: Ohne sie wären wir nicht der Mensch, der wir sind, und zu dem wir uns noch entwickeln werden.

Sie ist und bleibt ein Bestandteil unseres Lebens. Ihren Anfang zu bereuen, ihr Dasein zu verachten und sie totzuschweigen, das bringt nichts. Sie gehört zu uns. Zu unserer Persönlichkeit. Ob wir das wollen oder nicht, ob wir ihre Züge blöd finden oder nicht.

Aber was wir leisten können, das ist Wiedergutmachung. Im Gegensatz zur Reue, spielt die nämlich im Heute statt in der Vergangenheit – und damit wird sie zu etwas Aktivem, statt zu kranker Selbstzerfleischung.

Ganz sicher haben wir aus unserer Essstörung heraus Menschen verletzt. Eine Essstörung bildet immer auch einen Panzer, eine Schutzmauer, die andere ausschließt. Wir haben Menschen wehgetan, indem wir sie nicht oder kaum haben hinter die Mauer blicken lassen, sie ausgeschlossen haben oder einfach nur, indem wir uns in der Krankheit gesuhlt haben, ohne etwas verändern zu wollen.

Sobald es uns besser geht und unser Hirn wieder ein bisschen wacher ist, tut uns das meist furchtbar leid. Wir können das dann bereuen, bringt aber in den meisten Fällen nicht so furchtbar viel, außer einem schlechten Gewissen, von dem niemand etwas hat. Erst wenn wir aus dem Bereuen und dem Gewissen etwas machen, ist sowohl uns als auch den anderen geholfen.

Was ich meine? Das muss jeder selbst wissen. Jeder von uns muss selbst analysieren, wem er wie wehgetan hat. Und dann gilt es, um Entschuldigung zu bitten. Egal ob derjenige uns verzeihen möchte oder nicht, egal wie groß unsere essgestörten Sünden waren. Manchmal ist es ein einfaches Aussprechen der Entschuldigung, manchmal müssen wir vielleicht mehr leisten. Aber im Gegensatz zur Reue ist Wiedergutmachung unglaublich hilfreich und wohltuend.

Ich bin noch dabei. Aber meine Katzen haben schon zwei neue Kratzbäume. Es tut mir leid, dass ich mich nicht immer so um sie kümmern konnte, wie sie das verdienen. Sie, die mich bedingungslos lieben. Ja, das bereue ich. Aber ich möchte es JETZT wieder GUT machen. Das ist unsere Chance.

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